Harakin
Unter dem Vorwand viel Arbeit zu haben, teilte Harakin Esti mit, dass er bei seinen Eltern Mittag essen würde. Seit einiger Zeit schon lief es zwischen den beiden nicht besonders gut.
Sein Vater aß schweigend, den Blick starr auf einen Dokumentarfilm über Vögel gerichtet, von der Spannung, die um ihn herum zu spüren war, wollte er nichts wissen. Die Mutter machte sich in der Küche zu schaffen. Als er sich setzte, versuchte er sich auf die Vögel zu konzentrieren, aber der Streit, den Esti und er, wie in letzter Zeit fast täglich, am Vorabend gehabt hatten, ging ihm nicht aus dem Kopf und machte ihn unfähig, sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Mit einer unwirschen Bewegung stellte seine Mutter einen Teller vor ihn. Einen Moment lang kreiselte er auf dem Tisch. Ihre Mürrischkeit der letzten Tage sollte ihm zeigen, dass sie ganz und gar nicht einverstanden war mit dem, was zwischen ihm und Esti vor sich ging, «ihrer Meinung nach vor sich ging», dachte Harakin. Und nicht nur das, sie gibt mir auch die Schuld daran. Harakin blickte verstohlen zu seiner Mutter hinüber. Sie zog ein Taschentuch hervor und schnäuzte ihre Seufzer hinein. Statt zu dem Vater und Harakin an den Tisch zu kommen, hatte sie ihren Teller genommen sich neben den Kamin gesetzt.
Harakin schlang das Essen hinunter und war dankbar, dass die Stimme des Dokumentarfilms die Stille zerriss.
Mit einem knappen Tschüs verließ er die Wohnung, um im Bazterretxe, der Kneipe, in der sie ihre Jugend verbracht hatten, einen Kaffee zu trinken. Felipe und Manolo erwarteten ihn dort zum Mus-Spielen, aber er sagte ihnen, er habe keine Zeit, um nicht erklären zu müssen, dass er keine Lust zum Kartenspielen hatte. Er setzte sich allein an die Theke. Bei dem jungen Kellner bestellte er einen Espresso; seit Bazter das Lokal verkauft hatte, um nach London zu gehen, war das der vierte Besitzer und trotzdem war die Kneipe während dieser zwölf Jahre bestehen geblieben, «genauso unverwüstlich wie wir», dachte Harakin, während ihm ein Anflug von Stolz die Brust erfüllte. Sein Sohn kam ihm in den Sinn, und obwohl er diesen Gedanken beiseite schieben wollte, begann die Litanei der Warums in seinem Kopf, warum ausgerechnet ihnen dieses Unglück geschehen musste, was sie denn getan hatten. Sie machten gerade eine schwierige Phase durch, Esti nahm es sich zu sehr zu Herzen, aber er brauchte Zeit.
Er war Fermin durch die Tür treten zu sehen, mitten in der Woche und zur Mittagszeit. Sicher war seinem Vater etwas zugestoßen, schoss es ihm durch den Kopf, dem «Säufer» verbesserte er sich sofort.
«Na, kommst du auch mal aus deinem Ñoñosti raus», rief er ihm spöttisch zu, merkte aber sofort, soweit kannten sie sich, dass nicht der Moment für Scherze war.
«Was ist los mit dir?», fragte er, so dass es alle in dem Lokal hören konnten.
Fermin sah zu Manolo und Felipe. Auf Fermins Lippen glaubte Harakin eine fast unmerkliche Verachtung zu erkennen. Den beiden den Rücken zuwendend drehte sich Fermin zu Harakin und während er auf Manolo und Felipe zeigte, gab er ihm zu verstehen, er solle leiser reden.
«Bazter ist gestorben.»
«Was!»
«Bazter ist tot, verdammt.» Er hatte die Stimme gehoben.
Das Gemurmel aus dem Fernseher schob sich zwischen sie. «El presidente español ha declarado que el problema vasco no existe.» [2]
Harakin sah, wie Fermin sich umwandte, um festzustellen, ob die Mus-Spieler etwas mitbekommen hatten. Harakins Kopf war wie leergefegt. Er verspürte ein Schaukeln in seinem Innern. Sein Sohn fiel ihm ein. Die Wiege. Er betrachtete den braunen Kreis, den die Kaffeetasse auf die Theke gezeichnet hatte.
«Was willst du?», frage er Fermin.
Er sah einen erstaunten Ausdruck in Fermins Augen und merkte, dass er etwas murmelte, aber er tat, als habe er nichts gehört.
«Was willst du trinken?» wiederholte Harakin seine Frage.
«Einen Milchkaffee mit wenig Kaffee und lauwarmer Milch», antwortete Fermin mit zu fester Stimme.
Bazter ist tot und der trinkt immer noch Milchkaffee mit wenig Kaffe und lauwarmer Milch nach dem Mittagessen. Bazter ist tot, skandierte es in ihm, während er wie erstarrt vor dem Kellner saß.
Fermins Stimme, die einen Kaffee bestellte, holte ihn wieder auf den Boden.
«Wie hast du es erfahren?» Die Frage klang fast wie eine Drohung.
«Ein Freund von ihm namens Marck hat mich vor vier Stunden angerufen und es gibt keine Zweifel, falls du es nicht glauben solltest», fauchte Fermin.
Verdammt, Bazter.
«Wir fahren hin, nichtwahr?», sagte Harakin.
«Ja, müssen wir wohl.»
«Was heißt, müssen?»
«Nun, er selbst hat nicht allzu viel dafür getan, dass wir es mitbekommen.»
«Freunde sind Freunde, Mann, mitbekommen hin, mitbekommen her!», erklärte Harakin.
Wut stieg in ihm auf, als er Fermin sagen hörte, er rede wie immer nur Mist, doch er beherrschte sie, er hatte noch genug von dem Streit mit Esti am gestrigen Abend.
«Ganz egal, wo Bazter ist, er ist einer von uns», sagte er mit sanfter Stimme.
«Einer von uns?! Was heißt das, einer von uns sein?» Fermins Augen hatten bei Harakins Worten wütend zu funkeln begonnen.
Harakin drehte sich zu den Mus-Spielern, er wollte nicht streiten, nicht mit Fermin; er war zwar sein Freund, aber dieses Verhalten, wegen jeder Kleinigkeit gleich zu explodieren, verstand er nicht und würde es auch nie verstehen. Jetzt war nicht der Zeitpunkt, dass sie beide mit Zankereien anfingen, jetzt wo Bazter gerade gestorben war.
Er wandte sich wieder Fermin zu. Der hatte die Tasse mit dem Milchkaffee zwischen den Lippen. Erneut schob sich das Fernsehen zwischen sie. Harakin betrachtet Fermin argwöhnisch. Er schien verärgert.
«Gesto por la paz afirma que con un poco de voluntad... [3]«
Um Fermin nicht ansehen zu müssen, ließ er seinen Blick durch das Lokal schweifen. Er fiel auf ein leeres Paket Chesterfield, das auf dem Boden lag. Daneben ein Aufkleber mit der baskischen Fahne. «Gefangene...» konnte er lesen. Ob es wohl stimmte, dass Fermin bei Gesto por la Paz war? Er erhob sich ein wenig vom Stuhl und zerdrückte das Paket mit dem Fuß.
«Hör zu», sagte er und zwang sich, Fermin direkt anzusehen, «lass uns jetzt nicht mit diesem Hin und Her anfangen, was Bazter nun für jeden von uns war. Du siehst zu, was du machst, aber ich werde versuchen zu fahren, Jexus Mari frage ich auch, ob er mitkommen will».
Als er merkte, dass sein Bemühen den Streit zu vermeiden Fermin beruhigte, wurde auch Harakin ruhiger. Es machte ihn wahnsinnig, wenn Fermin sich so aufführte.
«Wir müssen zu Jexus Mari und ihm Bescheid sagen. Kümmerst du dich um die Tickets? Bis morgen müssten sie sie haben», fragte er so behutsam wie möglich.
Fermin nickte und trank seinen Milchkaffee aus.
Sie fanden Jexus Mari im Wald, beim Holzmachen. Harakin hatte den Eindruck, dass ihn die Nachricht nicht übermäßig berührte, aber Jexus Mari war schon immer so, ein gehorsamer Soldat, der seine Gefühle zu verstecken wusste. Er stimmte zu, ohne solch Aufheben wie Fermin, obwohl Bazter und Fermin enger befreundet gewesen waren als Bazter und Jexus Mari. Bazter tot. Sein Sohn in der Wiege. Ein Drang zu kommandieren stieg in ihm hoch, den er bisher Fermin gegenüber unter Kontrolle gehalten hatte. «Fermin, irgendwas müssen wir auf der Beerdigung sagen, du hast ja sicher irgendwo ein passendes Gedicht oder so etwas?!» platzte er heraus.
Obwohl er merkte, dass Fermin dieser Ton ganz und gar nicht passte, tat er als bemerke er es nicht. «Das, das du damals auf dieser Gedenkveranstaltung gelesen hast, das mit den Wurzeln, das könnte was sein, erinnerst du dich?»
Fermin sah ihn an. Harakin hielt Fermins Blick stand. Er spürte, wie seine Hände feucht wurden und rieb sie zum Trocknen an seiner Hose. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass Jexus Mari die beiden beobachtete, er wartete wohl darauf, wann sie wie Hähne aufeinander losgingen, aber Fermin bremste ab, obwohl auf seinem Gesicht ein Ausdruck von Bitterkeit zurückblieb.
«Das von Joseba Sarrionandia», sagte er trocken.
«Du suchst es also raus», schloss Harakin, als ob er mit diesen Worten eine Verhandlung beendete.
Sie ließen Jexus Mari beim Holzmachen zurück und fuhren wieder ins Dorf. Das Auto ratterte und rumpelte über den Feldweg, der sie hatte aufwachsen und zu Revolutionären werden sehen. Leicht sauer saß Harakin im Wagen, weil er anscheinend Fermin sauer gemacht hatte und sicherlich sauer darüber, dass Fermin, dessen Sauerkeit er spürte, weiter auf ihn sauer war.
Fermin setzte ihn vor der Metzgerei ab.
«Dann telefonieren wir also später miteinander, ob du die Tickets bekommen hast oder nicht. Kümmer dich nicht um den Preis. Bis später dann.»
Nachdem er ein mit Hängen und Würgen herausgebrachtes «Bis später» gehört hatte, betrat er die Metzgerei, bereit, ungeachtet der Vorschriften des Gesetzes, in dem in einer Ecke des Stalls eingerichteten illegalen Schlachthaus ein Kalb zu schlachten.
Zwischen Schlachten und Kunden dachte er den ganzen Nachmittag weder an Bazter, noch an Esti noch an seinen Sohn, aber als die letzte Kundin gegangen war und er mit seinen Eltern allein in der von einer Leuchtstoffröhre beleuchteten Metzgerei zurückblieb, schnürte es ihm die Kehle zu. Er fühlte sich kraftlos. Er nahm das blutige Schlachtermesser, hielt es unter den Wasserhahn, und sah zu, wie das Blut in die Spüle tropfte. Rotes Wasser floss in kreisendem Strudel den Ablauf hinunter. Seine Mutter putzte die Kühlkammern und blickte gelegentlich verstohlen zu ihm hinüber.
«Pedro, geh nach Hause, Estibalitz wird schon auf dich warten», rief sie ihm zu, als sie einsah, dass er nicht verstehen wollte, was ihre Blicke ihm zu sagen versuchten. «Vater und ich machen die Kammern schon sauber.»
«Nein, lass nur, ich putze sie. Geh du nur nach Hause, um das Abendessen vorzubereiten, ich esse bei euch.»
Seine Mutter suchte mit den Augen die Hilfe des Vaters, ein Zeichen, dass sie darüber gesprochen hatten, aber wie immer wollte sich der Vater raushalten.
«Pedro Mari, so lassen sich Probleme nicht lösen», sagte sie. Danach breitete sich die Stille wie eine Dürre in dieser Familie aus, in der man es gewohnt war, die Dinge nicht beim Namen zu nennen.
Harakin zog die Schürze aus und ging ohne ein Wort zu sagen. Einen Moment lang sah er durch das Fenster zurück, dort waren sie, sein Vater hatte sich über die Kühlkammer gebeugt und putzte, seine Mutter stand aufrecht da und starrte mit verlorenem Blick zu der Tür, durch die er soeben verschwunden war, während sie mit den Gummihandschuhen eine trockene Träne wegzuwischen versuchte. Erfolglos.
Gegen ein Uhr morgens, als er sicher war, dass Esti schlafen würde, ging er nach Hause, nachdem er im Bazterretxe mit den zehn Jahre Jüngeren aus dem Dorf ein paar Joints geraucht und Bier getrunken hatte. Schwankend stieg er die Treppe hoch und machte dabei mehr Lärm, als er ihm lieb war. Er ging in das Zimmer seines Sohnes und betrachtete ihn. In seinem Kopf mischten sich Alkohol, Schuldgefühl und Wut. Niemals würde er von ihm das Kicken lernen, nie würden sie zusammen Mus spielen, nie würde er verstehen, was Euskal Herria war, nie würde er wissen, was Freundschaft bedeutet. Warum? Er erinnerte sich an all die Orte, an denen sie von Arzt zu Arzt gelaufen waren: In Paris gäbe es einen Arzt, der das Downsyndrom behandele, also fuhren Esti und er mit dem Kind dorthin; dann hörten sie, dass es in Bilbo einen anderen Arzt gäbe, und sie fuhren nach Bilbo; und nach London, dort war er damals alleine gewesen. Alle sagten das Gleiche, von medizinischer Seite sei da nichts zu machen, man müsse erzieherisch daran arbeiten, durch diese Arbeit würden sie große Fortschritte machen.
Er ging ins Bett und legte sich neben Esti; er hatte sie nicht dort erwartet, Esti schlief in letzter Zeit im Kinderzimmer, weniger, um bei dem Kind zu sein, vermutete Harakin, als um nicht bei ihm zu schlafen. Er war ihr dankbar dafür, denn eigentlich zog er es vor, alleine zu schlafen und die Geschichte zwischen ihnen, und sei es nur für die Nacht, ruhen zu lassen.
Bazter fiel ihm ein, während er schlaflos dalag; ihre Kinderstreiche, wie sie den Katzen die Schwänze abschnitten, die Jahre, die sie zur Katechese gingen; wie sie den Katechismus ein ums andre mal herunterleierten und wie Bazter dort eines Tages zweimal in die Hände klatschte und alle außer Harakin und Bazter glaubten, die Katechese sei vorbei, denn dieses Klatschen war das Zeichen des Priesters Don Juan Mari, dieses Dreckskerls, für das Ende des Unterrichts. Und wie, als sie hinaus gingen und das erste Kind den Fuß in den Vorraum setzte, Don Juan Mari auftauchte, dieser Dreckskerl, und sie dann drei Stunden festhielt, um zu erreichen, dass jemand zugab, dass er geklatscht habe; wie Bazter nach drei Stunden dann gestand, dass er es war, der geklatscht hatte und der Priester Bazter schließlich gegen elf Uhr nachts nach Hause schickte, zur Belohnung, weil er die Wahrheit gesagt hatte, und die Übrigen bis zwölf Uhr dabehielt, zur Strafe, weil sie Bazter nicht verraten hatten.
Während das Bild seines Sohnes wie Windböen in seinem Kopf aufkam und wieder verschwand, erinnerte er sich an die mit Bazter zusammen durchgefeierten Nächte, ihre gemeinsamen politischen Aktivitäten und daran, wie Bazter ihn, die Befunde seines Sohnes in der Hand, zu jenem Arzt begleitet hatte, der auf der Welt am meisten über das Downsyndrom wusste; der Arzt, Doktor Kaplan, er erinnerte sich noch immer an seinen Namen, erläuterte Bazter die Ergebnisse, die ihm damals schon klar gewesen waren, und fragte dann, ob sie noch etwas wissen wollten. Harakin erinnert sich, dass er verneint hatte, resigniert, denn schon bevor er nach London gereist war, hatte er gewusst, wie die Ergebnisse ausfallen würden. Noch heute kann er das ganze Gewicht der mitleidigen Hand spüren, die ihm der Arzt beim Verlassen der Praxis auf die Schulter legte.
Die aufsteigende Übelkeit nicht mehr unterdrücken könnend, lief er zum Klo und stieß dabei gegen alle Ecken. Geduldig übergab er sich und betrachtete, was aus seinem Mund quoll.
Eine Weile wühlte er im Schrank, suchte etwas. «Da ist sie nicht, verdammte Scheiße.» Mit dem Oberarm wischte er sich die Lippen trocken und ging zum Telefon. Die Küchenuhr zeigte drei Uhr. Als er den Hörer abnahm, hörte er Fermins Nachricht. «Ich habe die Tickets bekommen. Übermorgen um fünf Uhr nachmittags. Die Trauerfeier ist um sechs. Wir haben genug Zeit. Wir treffen uns um vier im Flughafen Loiu. Ich fahre direkt von Donostia aus hin. Vergesst eure Ausweise nicht. Das Hotel für die Nacht habe ich auch reserviert.»
Bazter war tot. Seine Knie zitterten und eine Art Schluchzen rüttelte seine Brust. Er versteckte das Gesicht in seinen Händen und setzte sich aufs Sofa, um nicht umzufallen. Bazter tot.
Er stand auf und wählte eine Nummer.
«Jexus Mari?»
«...»
«Ja, ich weiß, dass es sehr spät ist. Du, er hat die Tickets. Übermorgen um vier am Flughafen von Bilbo. Hast du eine Ikurrina [4]? Ich finde meine nicht.»
«...»
«Ob du eine Ikurrina hast!»
«...»
«Nein, ich bin nicht verrückt geworden.»
[2] «Der spanische Ministerpräsident erklärte, dass das baskische Problem nicht existiert.»
[3] «Gesto por la Paz erklärt, das mit ein wenig Bereitschaft....»
Anm.d.Ü.:Gesto por la Paz ist eine 1986 gegründete, pazifistische Plattform, die sich gegen die Gewalt im Baskenland, vornehmlich die Anschläge von ETA richtet.
[4] Anm.d.Ü.: Name der baskischen Fahne
© Juanjo Olasagarre
© Übersetzung aus dem Baskischen: Gabriele Schwab