Fermin

 

«He died last night».

        Fermin saß in seiner Praxis in Donostia über dem Bericht eines seiner Patienten und grübelte, wie er ihn handhaben sollte, als das Telefon klingelte. Er glaubte, es sei seine Frau Alizia, schließlich telefonierten sie jeden Vormittag gegen elf miteinander. Während sein Blick weiter an den Buchstaben haftete, hob er gleichgültig den Hörer ab.

        «Ja, bitte.»

        «Hello, my name is Marck.» Die Stimme am anderen Ende ließ Beunruhigung in ihm aufkommen. «I was a friend of Carlos Urretabizkaia».

        Carlos Urretabizkaia, Carlos Urretabizkaia. Fermin durchforschte seine Erinnerungen, während das Gefühl immer stärker wurde, dass er diesen Namen kennen müsse. Er biss sich auf die Unterlippe und sein Blick schweifte durch die Praxis. Das von Alizia ausgesuchte blaue Sofa, der von Alizia gekaufte teure Teppich, die Zeremonienmasken, die Alizia entdeckt hatte, als sie frisch vermählt in Afrika waren, der riesige Kristallaschenbecher, ein Geschenk von Alizias Mutter. Nichts war da von ihm. Carlos Urretabizkaia. Er berührte das Kristall. Ein Schaudern durchzog ihn bis hinauf zu den Schläfen.

        Bazter [1] verdammt, Bazter hieß Carlos Urretabizkaia, auch wenn ihn außer seiner Mutter niemand so nannte.

        «I was a friend of Carlos Urretabizkaia», erklärte die Stimme am anderen Ende der Leitung erneut, als ob sie des Wartens leid sei. «Carlos Urretabizkaia», setzte sie nochmals hinzu, in der Hoffnung, die Wiederholung von Bazters Namen erleichtere ihm das Verständnis.

        Fermin brachte ein Yes hervor, um zu zeigen, dass er verstanden hatte.

        Was er dann hörte, ließ ihn erstarren: «He died last night». Er ist gestern gestorben.

        Zunächst stellte er keine Verbindung zwischen Carlos und diesem he her, das passierte ihm häufig, wenn er Englisch sprach, doch als seine Gedanken wieder klarer wurden, begriff er: Bazter war gestorben.

        Alles andere hörte er, wie aus weiter Ferne: Er habe Fermins Nummer in Carlos' Notizbuch gefunden hatte, die Trauerfeier sei in zwei Tagen, nachmittags um 6, ob sie kämen.

        Eilig notierte er die Adresse auf ein Stück Papier und legte dann mit einem gemurmelten Good bye den Hörer auf.

        Verdammt, Bazter ist tot! Bazter, der Kumpel aus dem Dorf, der Freund aus der Jugend, der Kamerad an seiner Seite, als ihnen die Welt noch jung vorkam und sie vorhatten, sie aus den Angeln zu heben und durch eine bessere zu ersetzen, — «vermeintliche vorhatten» präzisierte er für sich, als ihm die spöttische Miene seiner Frau Alizia in den Sinn kam. Wie naiv waren sie doch gewesen! Auch später sollte Alizia ihm das vorhalten: «Armselige, halbherzige Helden, ihr glaubtet, eure Jugend sie die Jugend aller und habt nichts anderes getan, als Chaos zu stiften». Als er den Telefonhörer ergriff, bemerkte Fermin, dass er im Begriff war zu tun, was er in allen verworrenen Momenten seines Lebens getan hatte. Nein. Alizia würde die Beklemmung nicht verstehen, die sich in seinem Inneren breitgemacht hatte, denn Alizia wollte von diesem Band, dass ihn wie eine metallene Nabelschnur mit Lekunberri-Aranaz und der Vergangenheit verband, von diesem, wie sie sagte, endogamischen Faden, nicht ein Wort hören. Er ergriff einen Bleistift. Ein Schuldgefühl brodelte in ihm, ein Schuldgefühl, als habe er etwas mit dem Tod von Bazter zu tun. Er strich über die Bleistiftspitze, um die Wärme des Holzes zu spüren und versuchte tief Luft zu holen. Ruhig. Er hob den Blick: das blaue Sofa, der teure Teppich, die ansprechenden afrikanischen Masken, der riesige Kristallaschenbecher. Wie ein Trümmergrundstück tauchte seine Vergangenheit vor ihm auf. Ein paar eingestürzte Mauern, reichlich Gestrüpp, Ruinen, alles verbrannt von Feindseligkeit und Hass. Er wollte dieses Trümmergrundstück weit, ganz weit hinter sich lassen und zwang sich deshalb zu beschließen, dass die Gegenwart besser sei. Bazter war gestorben.

        Er würde Harakin anrufen. Während er auf seine elegante Armbanduhr schaute — Alizia hatte sie ausgesucht —, wählte er die Telefonnummer von Esti und Harakin; halb zwölf. Harakin war sicher an der Arbeit, in der Metzgerei seiner Eltern, aber Esti würde vielleicht zu Hause sein und ihm die Telefonnummer der Metzgerei geben.

        Nervös hörte er die zu langen, rhythmischen Töne, die ihm offenbarten, dass niemand zu Hause war. Niemand. «Immer das Gleiche, wenn man jemanden braucht, ist er nicht da.»

        Durch das große Fenster seiner Praxis sah er den tristen Himmel Amaras, zum ersten Mal seit langer Zeit regnete es in diesem viel zu heißen Herbst. Er hatte die Praxis wegen dieses Fensters gemietet, um den Himmel zu sehen, und um es während des Studierens der Fälle seiner Patienten zu genießen, wie sich die Ruhe, die er jetzt immer häufiger benötigte, im Rauch der Zigarette wand. So hatte er es Alizia erklärt, in der Hoffnung, dass die mögliche Wirkung dieser Metapher Alizia die teure Miete der Praxis vergessen lassen würde, denn Geldangelegenheiten verwaltete Alizia, und zwar streng.

        Er beschloss, den Tag frei zu nehmen und ins Dorf zu fahren. Den blauen Hörer ans Ohr haltend rief er Alizia an; sie würde inzwischen zu Hause sein, nachdem sie Maialen und Eneko in die Schule gebracht hatte und vom Markt zurück war.

        «Hör mal, Alizia, ich komme heut nicht zum Mittagessen, die Frau eines Patienten hat mich angerufen und wir haben uns zum Mittagessen verabredet. Welcher? Der, von dem ich dir erzählt habe, dass er sexuelle Probleme hat. Ja, der aus Anoeta, ja. Seine Frau hat mich angerufen, sie ist sehr besorgt, und da habe ich mir überlegt, mich mit ihr zum Mittagessen zu verabreden, du weißt schon, so werde ich ihr Vertrauen geben, ihr zeigen, dass ich eher Freund als Psychologe bin und sie kann sich dann mehr an dem Behandlungsprozess ihres Mannes beteiligen. Denk daran, was uns der Psychopathologie-Professor immer wieder gesagt hat, Heilen ist eine Angelegenheit des Vertrauens und...» Er verstummte, denn er befürchtete, dass eine zu komplizierte Entschuldigung Alizias Verdacht wecken könnte. «Ja, wir sehen uns heut abend. Ja, ich bringe Eneko zum Schwimmunterricht. Tschüs, Liebling.»

        Nachdem er seinen einzigen Patiententermin um fünf Uhr abgesagt hatte, nahm er den grünen Trenchcoat, den Alizia ihm geschenkt hatte — «er wird dir nicht gefallen, aber es ist an der Zeit, dass du anfängst, dich zu kleiden, wie es sich für jemanden wie dich gehört», hatte sie gesagt, als sie ihm das Geschenk überreichte — und verließ die Praxis. Wenn er sein Spiegelbild in den Schaufenstern sah, schien es ihm, dass der Mensch dort auf der Scheibe ihm mit einer Eleganz gegenübertrat, die ihm nicht unangenehm war. In den meisten Fällen kam er jedoch zu dem Schluss, dass er zu geschniegelt war, ein Theaterstück über sich selbst aufführte, jemanden darstellte, der er nicht war. Und trotzdem widersetzte er sich Alizia nicht, vielleicht wegen seines Wunsches, «diese billige rote Vergangenheit», so die Worte seiner Frau, zu überwinden.

        Ein Regentropfen glitt in seinen Ausschnitt. Er spürte die Kälte. Mit einer schnellen Bewegung schlug er seinen Kragen hoch. Er erinnert sich an den Besuch bei Bazter vor rund zwei Jahren. Damals hatte er nicht den Eindruck, dass es ihm schlecht ginge, älter hatte er ausgesehen, hatte weniger Haare; so erging es ihnen allen, sie waren älter geworden und noch dazu, entgegen der allgemeinen Annahme, unweiser. Die gegenseitige Fürsorge und Zuneigung war weniger geworden, sonst hätte er gewusst, dass Bazter krank war. Hätten sie es gewusst, ehrlich gesagt war er sicher, dass weder Harakin noch Esti noch Jexus Mari etwas davon gewusst hatten. Er versuchte zu fühlen, was Bazters Tod in seinem Innern ausgelöst hatte, aber da war nur das Trümmergrundstück. Eingestürzte Mauern, reichlich Gestrüpp, Ruinen.

        «Seit du in der Stadt lebst, hört man gar nichts mehr von dir» mokierte sich Harakin jedes Mal mit der ihm eigenen Schroffheit, wenn er in Lekunberri erschien, um seine Eltern zu besuchen; aber er wusste genau, dass es kein Problem des Raumes war, sondern der Zeit. Was zwischen ihnen war, zwischen Harakin, Jexus Mari, Esti, Bazter, waren Trümmer und Trümmer sind und bleiben Trümmer. Hier und da tauchten ein paar..., Fermin suchte nach einem Adjektiv: schöne, ein paar schöne Erinnerungen auf. Trotzdem, seit er nach Donostia gegangen war, war er schon mehr als einmal froh gewesen, dass zwischen ihm und Harakin, «dank mir», wie Alizia gerne bemerkte, nur noch Trümmer waren.

        Mit einer eigenartigen Bewegung betätigte er die Fernbedienung, um das Auto zu öffnen. Auch das war eine Entscheidung von Alizia gewesen. «Wir werden einen Audi 4 kaufen», hatte sie erklärt, ohne ihm die Möglichkeit zu lassen, etwas dazu zu sagen. «Einen Audi 4», hatte sie wiederholt und ihm damit zu verstehen gegeben, dass die Entscheidung getroffen war. Geld erwähnte sie nicht; mit dem, was er als Honorar von seinen Patienten bekam, wäre es ihnen in der Tat ziemlich schwer gefallen, einen Audi 4 zu bezahlen, aber er wusste, dass Alizias Familie auch nach ihrer Heirat Monat für Monat ihr Konto weiter anwachsen ließ. Vor der Hochzeit hatte er Geschenke, Abendessen und Ähnliches von Alizias Familie mit Selbstverständlichkeit akzeptiert, aber nachdem sie verheiratet waren, hatte er, wutentbrannt darüber, dass sie weiterhin Geld auf ihr Konto einzahlten, Alizia angewiesen, das Geld ihrer Eltern nicht mehr anzunehmen. Natürlich hatte Alizia seinen Worten nicht die geringste Beachtung geschenkt, wie in den meisten Fällen; als ihm klar wurde, dass gegen Alizia nicht anzukommen war, verstummten mit der Zeit auch seine letzten Gewissensbisse.

        Er war zwar nie so ein Liebhaber von teuren Autos gewesen wie Harakin, doch trat er genussvoll aufs Gaspedal, als er bei Andoain auf die Schnellstraße Richtung Navarra fuhr. Mutter würde sich sicher freuen. Er war schon seit zwei Monaten nicht mehr in Lekunberri gewesen, jede Woche telefonierte er mit seiner Mutter, aber zu Besuch kam er nur selten, sehr zu Mutters Verdruss. Dann kam ihm sein Vater in den Sinn. Schnell verscheuchte er den Gedanken an diese Figur, die in ihm nichts als die Worte ekelhafter Säufer wachrief.

        Es fiel ihm ein, dass er nicht angerufen hatte, um Bescheid zu sagen, dass er zum Mittagessen käme. Er zog sein Handy heraus, tippte die Nummer und sprach mit seiner Mutter, während das Auto mit einhundertachtzig über die Schnellstraße fuhr.

        Er wollte lieber nicht darüber nachdenken; einigen Psychologen zufolge bestand Reife darin, für bisher noch nicht zugeordnete und in der Schwebe befindliche Konflikte einen Ort und eine einzige Interpretation zu finden. Was die Familie anging, die jedenfalls hatte er zugeordnet: aus dem Abstand heraus, zugedeckt mit einer Zuneigung die nicht zur Liebe reichte, hatte er für sie einen Platz in der Geographie seiner Gefühle gefunden. Naja, zumindest traf das für seine Mutter und seinen Bruder zu, denn im Fall des Vaters war es beim Abstand geblieben, Zuneigung war hier unmöglich. Auch dabei hatte ihm Alizia geholfen, obwohl er sich immer häufiger fragte, ob er für diese Hilfe nicht einen zu hohen Preis zahlte. Mit einer Geste, als wolle er einen Rauchschwaden vor seiner Brille wegfächeln, vertrieb er diesen Gedanken. Und seine Freunde? Welchen Platz nahmen seine Freunde in dieser Geographie ein? Harakin zum Beispiel, war er eine regungslose ferne Figur oder bewegte er sich auch jetzt noch hin und her und erzeugte dabei Aufruhr, Unruhe, Hass? Und Bazter, der gerade für immer aus ihrem Leben verschwunden war? Vielleicht sollte er sagen aus seinem Leben, oder einfach aus dem Leben, überlegte Fermin. Dieser Bazter war, obwohl er in England gegangen war, einen Teil der Landschaft; welchen Platz nahm er ein? Versetzte ihn auch diese ferne Person Aufruhr?

        Als er in die Barranka kam, spürte er einen Ruck in seinem Herzen. Wenn er früher durch diesen Korridor zwischen den Gebirgszügen Beriain und Aralar gefahren war, hatte er in ihm nie etwas Schönes gesehen, seine Lieblingslandschaft war von jeher die Bucht der Kontxa gewesen. Doch seit ihm Bazter in London erzählt hatte, dass es die Landschaft der Barranka sei, die er in seinem Leben dort am meisten vermisse, hatte er sie aufmerksamer betrachtet und die wenigen Male, die er seit jenem Gespräch mit Bazter hergekommen war, hatte er bemerkt, dass sie ihn nun viel tiefer berührte.

        Alles war trocken und trotzdem wunderschön. Die Seite des Beriain war schon kahl, Richtung Aralar dagegen wechselten sich fahles Braun und Grüntöne ab, vermischt mit dem Blau der Felsen. Er spürte, wie das Auto vorwärts fuhr und biss sich auf die Lippen. Im Rückspiegel sah er, dass ein feuchter Schimmer zurückblieb. Einen Moment lang fühlte er sich mächtig dort, mit einhundertsechzig Stundenkilometern auf der Schnellstraße.

        Seine Mutter erwartete ihn mit einem Teller Gemüse auf dem Tisch, sie kannte seine Vorliebe für Gemüse, seit Bazter und er mit ungefähr neunzehn Jahren zum Unmut seines Vaters Vegetarier wurden und damit zu Hause unnötigen weiteren Streit provozierten, denn für seinen Vater stand fest, dass nur verweichlichte Schnösel kein Fleisch aßen. «Was, um alles in der Welt, soll ich mit dir bloß machen?» sagte er immer wieder, als ob er mit ihm irgendetwas hätte machen können, dieser ekelhafte Säufer, unter dem seine Mutter wahre Folterqualen litt.

        Während er seiner Mutter einen Kuss gab vertrieb er all diese Gedanken und blickte verstohlen umher, ob sein Vater da war. Seine Mutter spürte das. «Er ist nicht zu Hause», sagte sie und machte dabei mit dem Kopf eine missbilligende Geste. Fermin antwortete nicht, es war ihm peinlich, ertappt worden zu sein. Er setzte sich, während seine Mutter, stehend, mit den Fragen anfing.

        «Wie geht es Eneko und Maialen?»

        «Gut, sie werden jetzt wohl in der Schule sein.»

        «Und ihr, wie geht es euch?» fragte seine Mutter, ihren Hang zur Rhetorik unterstreichend.

        «Gut. Alles in Ordnung, wie immer. Bazter ist gestorben», fügte er hastig hinzu.

        «Was für ein Bazter?»

        «Bazter, Mutter, Carlos aus dem Bazterretxe.»

        «O mein Gott.» Seine Mutter bekreuzigte sich.

 

        [1] Anm.d.Ü.: Viele der Ruf- oder Spitznamen im Baskenland beziehen sich auf das Geburtshaus der jeweiligen Person. Bazter (Ecke) stammt aus dem Bazteretxea (Eckhaus). Ein anderer Bezug ist der Beruf, der eigene oder der der Vorfahren, wie im Fall von Harakin (Metzger).

 

 

© Juanjo Olasagarre
© Übersetzung aus dem Baskischen: Gabriele Schwab


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